Medienmündigkeit beginnt mit digitaler Medienabstinenz

Medienmündigkeit beginnt mit digitaler Medienabstinenz - Foto (c) LoboStudioHamburg / pixabay.com

Für Kinder Abstinenz von Bildschirmmedien auf einer Bloggerkonferenz zu fordern, ähnelt dem Anpreisen leckerer Wurstspezialitäten auf einer Veggie-Messe.

Wer möchte nicht, dass seine Kinder sich immer früher immer besser in der Welt zurecht finden? Wenn die heutige Zeit eine digitale ist, ist es dann nicht auch logisch, dass schon die Kleinsten lernen, mit digitalen Medien umzugehen? Was sie hierfür benötigen, ist eine Frage, die man sich hierbei stellen kann. Ab welchem Alter sich die Kinder auf welche Weise und in welchem Umfang in der Welt zurecht finden können, ist eine ganz andere. Und was bedeutet überhaupt „Umgehen mit digitalen Medien“ für die Kinder?

Wir sind nicht nur eine digitale, sondern auch eine mobile Gesellschaft. Heißt das dann auch, dass wir dreijährigen Kindern das alleinige Zurechtfinden im Straßenverkehr, nebst selbstständigem Zug-, Bus- oder gar Autofahren beibringen sollen, damit sie auch, wann immer sie möchten, möglichst früh Oma und Opa besuchen können und sich selber die Strecke hierzu raussuchen?

Beim Straßenverkehr hält wohl jeder die Vorstellung Dreijähriger am Steuer für lächerlich. Wir üben mit Kindern von klein auf das Verhalten im Straßenverkehr und mit zunehmenden Alter sowie zunehmender motorischer und kognitiver Fähigkeiten dürfen sie sich immer schneller und zunehmend selbstständiger im Verkehr bewegen (zu Fuß, Dreirad, Laufrad, Roller, Fahrrad, Bus, Mofa, Auto).

Was bedeutet das aber nun in Bezug auf die digitalen Medien? Der für den Straßenverkehr zu Recht unterstellte menschliche Reifungsprozess, der vorgibt, wann man wie am Verkehr selbständig teilnehmen darf, wann man schließlich am Steuer von Autos, LKWs oder Bussen die damit verbundene Verantwortung übernehmen darf, lässt sich auch auf den Umgang mit digitalen Medien übertragen.

Der Arzt und Psychotherapeut Bert te Wildt fordert hierzu, „Kinder und Jugendliche müssen erst einmal in den eigenen Körper hineinfinden. In dieser Zeit sind Medientechniken gut, die körpernäher sind: Schreiben mit der Hand, Rechnen mit dem Kopf. Medienerziehung sollte auf der Medienevolution aufbauen.“ (te Wildt 2015)

Paula Bleckmann, Professorin für Medienpädagogik, hat zur Entwicklung der Medienmündigkeit ein entwicklungsphasenabhängiges Modell entwickelt (Bleckmann 2012), welches von der Geburt an berücksichtigt, was der Experte für Computerspielabhängigkeit te Wildt fordert. Mündigkeit wird von Bleckmann zuvorderst als „die Fähigkeit eines Menschen, selbst darüber zu entscheiden, welchen Anteil seiner Zeit er zum Erreichen seiner Ziele und zur Befriedigung seiner Bedürfnisse überhaupt mit Bildschirmmedien verbringen und damit anderen Tätigkeiten entziehen möchte“ verstanden. „Zugleich ist mit Medienmündigkeit die Fähigkeit gemeint, aktiv, dosiert, kritisch reflektiert und technisch versiert Medien nutzen zu können.“

An erster Stelle sind hierbei die Eltern gefordert. Sie sind Weichensteller, die es bestimmen, in welche Richtung die Kinder sich entwickeln sollen. Vor Mediensucht schützen nicht umfassende Bedienkompetenzen, sondern tragfähige reale Beziehungen, Selbstwirksamkeitserlebnisse, Problemlösefähigkeiten, Einfühlungsvermögen, Stressbewältigung, Sinnhaftigkeit.

Wir möchten aber nicht nur, dass unsere Kinder gesund aufwachsen, sondern auch die bestmögliche Bildung erhalten, um für die Zukunft vorbereitet zu sein.

Der Bildungswissenschaftler Volker Ladenthin schreibt hierzu, dass „nicht dem, der gelernt hat einen Faustkeil zu bedienen, […] die Zukunft offen [steht], sondern dem, der darüber nachdenkt, wie man den Faustkeil verbessern kann“ (Ladenthin 2004). Demnach sei Technik zu erfinden zukunftsträchtig und nicht, sie bedienen zu können. Der Bediener laufe, so Ladenthin, der Technik immer hinterher, der Erfinder aber bestimme sie.

Um so etwas leisten zu können, bedarf es vieler Fähigkeiten, die schon von klein auf entwickelt werden, sich aber erst mit zunehmenden Alter voll entfalten: Kreativität, Phantasie, Handlungsplanungskompetenz, Durchhaltevermögen, Reflexions­vermögen.

All diese Aspekte trainiert man erst in der realen Welt, bevor man in der Lage ist, sie auf die digitale Welt zu übertragen. Be-greifen beinhaltet schon das haptische Erleben im Realen. Erst wenn sich die kognitiven Strukturen mit realweltlichen Erfahrungen ausgebildet haben, ist man überhaupt in der Lage, diese auf die virtuelle Welt zu übertragen. Wir Menschen besitzen 17 Sinne (bzw. Rezeptoren), derer wir uns im Alltag ständig bedienen ohne uns dessen bewusst zu sein (Walter 2013, 2014). Wir haben sie von Anfang an trainiert und erst, wenn einer dieser Sinne nicht vollständig ausgebildet ist, fällt dieses einem selbst und anderen auf (z.B. sehen, hören, Gleichgewicht).

Was macht es aber mit der Entwicklung von Kindern, wenn sie gar nicht mehr die Möglichkeit haben, alle Sinne zu trainieren? Welche Auswirkungen hat dies dann auf ihre kognitive Entwicklung? Was die digitale Welt Erwachsenen – da diese in der Regel alle Sinne voll entwickelt haben – als gelungene Erweiterung ihrer Möglichkeiten bietet, lässt sich daher nicht eins zu eins auf Kinder übertragen.

Wollen wir also eine gesunde Entwicklung, die unsere Kinder bestmöglich bildet, sollten wir es wie Steve Jobs und andere führende Entwickler und Ingenieure im Silicon Valley halten, die ihre eigenen Kindern von (zu viel) Umgang mit Technik abschotten. Als Argumente gab z.B. Chris Anderson, CEO von 3D Robotics an, „dass Technologie Kindern die Fantasie raubt, ihnen die Kreativität entzieht und sie letztendlich mehr oder minder abhängig macht. Auch die tagtägliche Interaktion mit dem sozialen Umfeld leidet darunter“ (www.maclife.de 2016). Aufgrund ihrer täglichen Erfahrungen mit der digitalen Welt, geben viele führende Köpfe der Hard- und Softwareindustrie ihre Kinder sogar auf alternative, technik-freie Schulen.

In meinem Vortrag auf der #denkst 2017 werde ich detailliert auf die oben angesprochenen Fragen eingehen und aufzeigen, ab welchem Alter welche (medienpädagogische) Förderung für Kinder sinnvoll ist und warum alles mit einer digitalen Medienabstinenz beginnt. Wie man aber ohne Technik genau die Fähigkeiten entwickelt, die Kinder benötigen, um später sinnvoll und kreativ mit den digitalen Medien umzugehen, können Sie in meinem interaktiv gestalteten Vortrag selber ausprobieren.

Literatur:

  1. Bleckmann (2012): Medienmündig. Wie unsere Kinder selbstbestimmt mit dem Bildschirm umgehen lernen. Stuttgart (Klett-Cotta)
  2. Ladenthin (2004): „Neue Medien und die Bildung des Menschen“. In: W. Lenders (Hrsg.), Medienwissenschaft. Eine Herausforderung für die Geisteswissenschaft. Frankfurt (Peter Lang).
  3. Walter (2013): Kinder entdecken ihre 7 Sinne. Sehen – Hören – Riechen – Schmecken. Band 1. Münster (Ökotopia).
  4. Walter (2014): Kinder entdecken ihre 7 Sinne. Tasten – Bewegen – Gleichgewicht halten. Band 2. Münster (Ökotopia).
  5. te Wildt (2015): Digital Junkies. Internetabhängigkeit und ihre Folgen für uns und unsere Kinder. München (Droemer)
  6. www.maclife.de (2016): Steve Jobs: Wieso für seine Kinder das iPad tabu war

 

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